SC Freiburg – VfL Bochum 3:0

16.04.2022

Mooswaldstadion

1. Bundesliga

Zuschauer: 34.000 (ca. 2.500 Gäste)

 

Ich bin ja eine treue Seele.

Nur manchmal, ganz manchmal wage ich den Seitensprung und gehe fremd, labe mich am Kitzel des Verbotenen und an den verachtenden Blicken der anderen. Dann überschreite ich die Grenzen des moralisch Tragebaren und verzichte auf ein Heimspiel des SVM zu Gunsten eines anderen Fußballspiels.

Gerrit war heute ebenso auf fremden Pfaden unterwegs und wir zwei redeten uns ein, dass der SVM aufgrund des wirren Gebolzes die letzte Spiele halt mal einen Denkzettel verdient hat und mit unserem Fernbleiben gestraft werden müsse. So siehts nämlich aus! Naja, ähhh, zumindest irgendwie……

Der Urheber des ganzen Seitensprungs traf dann in aller Frühe am Treffpunkt in Gescher auf uns, wo dann auch gleich mein Rennford gegen eine komfortable Familienkutsche getauscht wurde und ich vom Fahrer- auf den Beifahrersitz wechselte.

Dennis ist ja Bochum Top-Lad und da kam das Angebot, heute mal den neuen Ground von Freiburg zu kreuzen und damit diese unschöne Lücke in Deutschlands drei oberen Spielklassen wieder zu schließen, ganz gelegen.

Nicht nur Bochum-Top-Lad, sondern auch eine wahre Maschine am Lenkrad, denn er riss die über 1.000 Autobahnkilometer an diesem Tag mal eben alleine und ohne wesentliche Pausen ab. Respekt!

So verging die Hinfahrt auch recht kurzweilig bei Austausch einiger Neuigkeiten, viel Dummgelaber und der warum auch immer aufgekommenen zentralen Frage, welcher Club in London wohl unser „Stammverein“ wäre, wenn wir dort ein Jahr oder länger leben würden. Tottenham, Arsenal und vor allem Chelsea – irgendwie alles Mist. Charlton ist langweilig, Brentford war irgendwie gar kein Thema. Fulham ist ja vielleicht ganz cool, aber irgendwie auch nicht so richtig. Leyton Orient soll’s dann sein, obwohl noch keiner von uns da war. Ja, Leyton Orient fühlt sich gut an und ist bestimmt der richtige Verein. In diesem Glauben bleiben wir dann mal, zumindest solange bis uns ein Besuch dort irgendwann vermutlich aller Illusionen beraubt, hehe.

Und zack, da sind wir auch schon im sonnenverwöhnten Freiburg angekommen.

Etwa zwei Stunden vor Anpfiff sperren hier Ordner die meisten Seitenstraßen im zum Stadion gelegenen Wohngebiet, sodass Parkmöglichkeiten knapp sind, wir aber dennoch eine Option in etwa 15 Gehminuten Distanz finden und sogar noch Zeit haben, einer Lokalität mit dem ansprechenden  Namen „Bierquelle“ unsere Ehre zu erweisen, um dort zu speisen und je zwei Humpen Waldhaus-Pivo in unsere trockenen Kehlen zu kippen.

Nun aber mal los jetzt hier, der Anpfiff ist nicht mehr lang hin und den wollen wir natürlich im Stadion miterleben und nicht vor dem zugegeben riesigen Bildschirm der „Bierquelle“.

Der SC Freiburg spielt seit Oktober 2021 in dieser neuen Arena, welche knapp 35.000 Zuschauern Platz bietet und wenig spektakulär, dafür sehr zweckmäßig daherkommt. Aufgrund der überschaubaren Größe der Stadt kommt auch hier ein nicht unwesentlicher Teil der Besucher mit dem Fahrrad zum Spielort, alles verläuft sehr entspannt und relaxt.

Aber klar, insbesondere der SCF spielt eine Bombensaison, wird in der kommenden Saison in jedem Fall international spielen und hat jüngst auch das Ticket zum Pokalfinale in Berlin gelöst. Vor der ruhigen, besonnenen und professionellen Arbeit, die hier seit vielen Jahren geleistet wird, kann man einfach nur großen Respekt haben.

Auf jeden Fall ein sympathischer Verein, den wohl niemand in Deutschland so richtig scheiße findet.

Ähnlich ist es mit den Gästen aus tief im Westen, da, wo die Sonne verstaubt, es aber viel besser ist als man glaubt.

Auch der VfL aus Bochum ist ein Verein, der mir nicht unsympathisch ist und sich trotz aller Kommerzaspekte, die man als Bundesligist im 21. Jahrhundert wohl so mittragen muss, meiner Meinung viel Ursprüngliches bewahrt hat. Kein Hochglanzprodukt wie Dortmund, nicht so räudig wie Schalke, eher bodenständig und bescheiden, Castroper-Straßenfußball halt und trotzdem mit guter Entwicklung, denn wenn es nicht ganz dumm läuft, sollte das Saisonziel „Klassenerhalt“ erfüllt werden.

Ich war mal im Jahre 2009 bei einem Heimspiel der Freiburger gegen den Hamburger SV und wenn ich den Besuch damals mit den Gegebenheiten heute vergleiche, so hat sich hier doch einiges getan und der Stadionneubau hat der Kulisse insgesamt ganz gut getan, was ja aller Stadionromantik zum Trotz vielerorts so ist.

Die Atmosphäre war heute vor Anpfiff (und eigentlich auch danach) überaus gut, die Südtribüne ist Standort der aktiven Fans und Fan-/Ultragruppen des SCF und bildet eine solide, stimmungsförderliche Wand. Die Gegengerade versprüht kurz vor Anpfiff gar südamerikanisches Flair, denn dort wird ganz gut mit rot weißen Folienbahnen und Luftschlangen gearbeitet, während zum Einlaufen der Mannschaften ein „Forza Ragazzi“ Doppelhalter-Schriftzug mit einer Portion Rauch garniert wird.

Wenn mich nicht alles täuscht, dann war das heute der erste Spieltag in neuen Stadion ohne irgendwelche Corona-Auflagen; einfach unbeschwerter Fußball halt, so wie er sein soll. Perfekte Bedingungen also für jeden, der es mit dem Club von der Dreisam hält, denn auch spielerisch passte der Rahmen. Eine bockstarke Mannschaft wirbelte ein ums andere mal durch die überforderte Bochumer Hintermannschaft, zudem schwächten sich die Gäste durch die roten Karten gegen Stafylidis und Trainer Reis zusätzlich selbst, sodass am Ende ein durchaus verdienter 3:0-Heimsieg zu Buche stand.

Nix zu holen heute also für die Gäste, die recht zahlreich angereist (ca. 2.500) waren und trotz der sich schnell abzeichnenden Niederlage einen optisch wie akustisch soliden Auftritt hinlegten. Vom Liedgut her sehr viel Standardrepertoire, aber auch ein paar eigene, mir bis dato unbekannte Sachen waren dabei. Zudem wurde trotz der deutlichen Schlappe das Team nach Abpfiff gefeiert respektive moralisch aufgebaut, sodass heute irgendwie keiner so richtig gefrustet war.

Wir hatten jetzt noch gute sechs Stunden Heimweg vor der Brust, aber Dennis manövrierte uns sicher und routiniert dem Sonnenuntergang entgegen, ehe ich irgendwann um 0:30 Uhr todmüde ins Bett fiel und binnen Sekunden einschlief.

Hat Spaß gemacht!