Sevilla FC – Real Betis Balompie   2:1

27.02.2022

La Liga

Estadio Ramon Sanchez Pizjuan

Zuschauer: 37.590  (ca. 500 Gäste)

 

 

 

Karneval!

Wer meine bessere Hälfte und mich kennt, der weiß, dass das verlängerte Wochenende mal ganz gerne zur Flucht in wärmere Gefilde genutzt wird. Pandemiebedingt fiel dieses Unterfangen zwar die letzten beiden Jahre aus, aber für 2022 standen dann alle Ampeln auf Grün.

Zwar stand an eben diesem letzten Februarwochenende auch das Derby gegen die lila Müllfresser an, aber solch Wochenendtrip plant sich nicht immer kurzfristig und überhaupt hätte ich Anfang Januar noch glatt einen stattlichen Betrag darauf gewettet, dass wir das Derby vor ein paar hundert Zuschauer spielen.

Dass dann fast 10.000 zugelassen waren, konnte ja keiner ahnen und verpasst habe ich letztlich wohl eher weniger…

Nichtsdestotrotz; ein leicht schlechtes Gewissen schwingt in diesen Zeiten bei Reisen irgendwie mit. In Zeiten, in denen sich der Frieden in Europa fragiler als gedacht erweist, tut man sich irgendwie schwer, das Leben und vor allem seine Freiheit zu genießen, wenn in relativer Nähe zur eigenen Haustür Unschuldige in einen sinnlosen Krieg gezogen werden, Kinder sterben und unfassbares Leid herrscht.

Andererseits ändert mein Verhalten leider rein gar nichts an der Lage und unabhängig von der Situation in der Ukraine passieren auf der Welt zu jeder Zeit schreckliche Dinge und es ist keinem geholfen, wenn ich schmollend zu Hause im Wohnzimmer sitze. Meine Gedanken kreisen dennoch immer und immer wieder um diesen Krieg und dessen noch gar nicht absehbaren Folgen und Entwicklungen.

Was man sich jedoch ebenfalls immer und immer wieder bewusst machen sollte, ist, dass man sich als unheimlich privilegiert betrachten kann und bei der „In welcher Ecke der Welt werde ich geboren-Lotterie“ damals einen 6er im Lotto plus Zusatzzahl hatte.

So, genug davon. Vamos!

Der Airport Eindhoven entwickelt sich mehr und mehr zu meiner „Homebase“ und ohne irgendwie Statistik zu führen, ist es mittlerweile wohl der Airport, der am häufigsten angefahren wurde. So ging es auch am heutigen Freitag dorthin und am frühen Abend mit Ryanair gen andalusische Hauptstadt und vor allem in die Sonne, um dort insgesamt drei Nächte zu verbringen.

Um es vorweg zu nehmen: Mega Stadt! Mit etwa 700.000 Einwohnern wie gesagt Hauptstadt Andalusiens und genau der richtige Ort, um dem deutschen Winter für ein paar Tage zu entfliehen. Palmen und prall gefüllte Orangebäume auf bzw. in den zahlreichen großen Plätzen und Parks; eine für eine Großstadt auffällig angenehme Ruhe und Gelassenheit, gepaart mit einer großen Portion Lebensfreude, lassen den Besucher zufrieden durch die zahlreichen Gassen des Zentrums schlendern oder in einem der zahlreichen Cafes, Bars, Restaurants oder Kneipen Platz nehmen. Mit etwa 85.000 Studenten ist die Stadt entsprechend jung und lebendig, selbst am Sonntagabend kurz vor Mitternacht sind die zentralen Plätze, Kneipen und Bars voll und es wird hart gezecht. Das alles bei angenehmen Temperaturen, die selbst Abends allenfalls einen Pullover nötig machen.

Lebensfreunde pur. Zudem gönnt man sich den Luxus, hier zwei Erstligisten mit jeweils großem Anhang zu beherbergen, welche zudem überaus erfolgreiche Fußball spielen und derzeit in der Tabelle Platz 2 (FC Sevilla) und Platz 3 (Betis) hinter den Königlichen aus Madrid einnehmen. Der FC Sevilla ist dabei der ältere (1890 im Vergleich zu 1907) der beiden Stadtrivalen und hat seine Wurzeln eher in der städtischen Oberschicht, während die Grünweißen ihre Anhängerschaft tendenziell aus der Arbeiterschaft bzw. aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden rekrutieren.

Ja, und wie der Zufall so will, war ausgerechnet am Wochenende unseres Aufenthaltes das „Derbi sevillano“ terminiert. Als äußerst problematisch schien mir allerdings die Kartenbeschaffung. Diverse Stimmen waren vorab der Meinung, dass ein freier Verkauf wohl kaum starten würde und man sein Glück dann am Spieltag vorm Stadion versuchen solle. Eine – letztmalig an dem in Frage kommenden Wochenende – geltende Zuschauerbeschränkung auf max. 85% der Stadionkapazität gepaart mit einem gar nicht so riesigen Heimstadion des FC Sevilla, gepaart mit der überaus guten Saison beider Vereine bestätigten leider, dass die Chancen auf Einlass schonmal besser waren.

Am Stadion sein Glück versuchen, klar, das würde ich auf jeden Fall tun, aber es wäre schon schöner, die Kartenfrage vorab gelöst zu haben, zumal ja auch meine Frau dieser Rosine gerne beiwohnen wollte…

Ja und manchmal braucht es eben doppelt Glück, denn so ging Dienstag vor dem Spiel dann tatsächlich noch ein Kontingent in den Online-Verkauf (Danke an Jörg vom überaus lesenswerten Hoppingzine Trespass fürs zeitnahe „Alarmieren), sodass die Arbeit auf der Arbeit dann kurz ruhen musste, schließlich gab es wirklich wichtige Dinge zu erledigen. Zwei Plätze im Oberrang mit Blick auf den Gästeblock waren flink im Warenkorb und ebenso schnell bezahlt. Über den Preis von 80 Talern je Ticket legen wir mal ganz schnell den Mantel des Schweigens, aber hey.

Wofür schleppe ich mich jeden Tag zur Arbeit und wofür ist genau das mein liebstes Hobby? (Also Fußballreisen; nicht das zur Arbeit gehen 😊).

Ich wäre ja schön bekloppt am Spieltag vorm Stadion zu  stehen, um nicht reinzukommen, ohne nicht alle Möglichkeiten irgendwie genutzt zu haben.

Mit dieser Form der Selbstbeschwichtigung stehen wir dann also an diesem Sonntag etwa zwei Stunden vor Anpfiff vorm Stadion, lassen es uns bei ein paar Bieren gut gehen und werden Teil des hektischen Treibens.

Tausende Rotweiße säumen die Hauptstraße vorm Stadion sowie die umliegenden Bars in den Seitenstraßen, die Cops sind reichlich angespannt und der Grund wird schnell klar. Eine halbe Stunde vor Anstoß muss der Betis-Gästemob hier auf dem Weg zum Gästesektor vorbei und als es endlich soweit ist und der etwa 500 Mann/Frau starke grünweiße Tross entlang kommt, um gestenreich den Anhängern der Heimteams zu zeigen, was man von ihnen hält, springe ich flink auf einen Müllcontainer, um von dort bessere Fotos zu schießen, um wenige Sekunden später von einem Robocop wieder unsanft herunter befördert zu werden.

Ja, spanische Cops, nicht zu Späßen aufgelegt.

So schnell er gekommen war, so schnell war der Gästeanhang dann aber auch vorbei und bis auf ein paar kleinere fliegende Gegenstände , die die Seiten wechselten, wars auch insgesamt sogar recht gesittet.

Also mal rein ins wunderschöne Estadio.

Nie im Leben waren hier noch 15% der Plätze frei, ich würde sagen, das Ding war annährend voll und kann nicht nur aus geografischen Gründen den Stempel „Derby“ aufgedrückt bekommen, sondern auch atmosphärisch.

Biris Norte, welches hier wohl die führende Ultragruppe und deren Gruppenname sich aus dem Standort im Stadion (Unterrang Nord) und dem ehemaligen gambischen Spieler Momodu Njie, welcher hier von 1973-1978 kickte und den Spitznamen Biri Biri trug, zusammensetzt,  läutet das Aufeinandertreffen ein, indem der alte Goethe aus der Schublade geholt wird und Dr. Faust Mephisto die alles entscheidende (leicht abgewandelte) Frage stellt, während das restliche Stadion mit einer Papptafelchoreografie in rot-weiß-gold getaucht wird (keine Fotos, da Papptafel in der Hand).  Sehr gelungen!

Auch zu Beginn der zweiten Hälfte erscheint ein überdimensionales Transparent auf der Nordtribüne, auf dem das Wappen „Andalusiens“ neu interpretiert wird und sinngemäß der heutige Gastgeber als Herrscher dieses wunderschönen Landstriches dargestellt wird, obwohl eigentlich Betis die grünweißen Farben des Region trägt.  

Der optische Rahmen war also schon ein Brett und auch atmosphärisch brauchte sich das Heimpublikum heute vor keinen anderen der großen europäischen Derbys verstecken. Das gesamte Publikum war über die gesamte Spielzeit mega- emotional bei der Sache, sodass es etliche Male richtig, richtig laut wurde. Im Unterrang der Nord herrschte ein feines Chaos, Typen standen mit ihrem Schwenkern auf den Begrenzungen zum Spielfeld und etliche Lads präsentierten ihre freien Oberkörper.

Ja, das waren hier echte Emotionen und echte Leidenschaft, kein künstliches Gehabe oder Gepose. Von den paar gesehenen Spielen in Spanien war es mit Abstand das stimmungsintensivste, ich würde das Spiel sogar in meine Top-10 der atmosphärisch stärksten Spiele einordnen.

Der Spielverlauf tat sein Übriges; die Hausherren beherrschten durch aggressives Powerplay die erste Hälfte klar und führten zur Pause durch Tore von Ivan Rakitic (Elfmeter) und Munir El-Haddadi mit 2:0. Betis hatte hingegen in der zweiten Hälfte mehr vom Spiel, der Anschlusstreffer in der Nachspielzeit kam aber zu spät, um es nochmal spannend zu machen. Auch wenn die Gästefans weitgehend unauffällig blieben und eigentlich auch zu keiner Zeit akustisch eine Chance gegen das Heimpublikum hatten, war’s insgesamt ne Bombe.

Sevilla-Derby, Daumen hoch!